Freitag, 23. September 2016

Kamenz will einen Bestattungswald!



Die Kamenzer, die vor anderthalb Jahren über 900 Unterschriften für einen Bestattungswald sammelten, haben es geschafft.

Der Stadtrat unterstützt sie mehrheitlich in ihrer Idee einer alternativen Bestattungsform zum Friedhof.

Das wurde am Mittwochabend deutlich. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass in einem Waldstück bei Kamenz schon bald Urnen unter die Erde gebracht werden.

Die Stadtverwaltung hatte die Idee der Initiative in den vergangenen Monaten aufwendig geprüft. Sie suchte nach geeigneten städtischen Wäldern und fand sie in der Gemeinde Haselbachtal bei Reichenau. 30 Hektar Laubwald stehen dort zur Verfügung, der in verschiedene Flächen aufgeteilt ist und somit auch Stück für Stück als Bestattungswald ausgewiesen werden kann. Das verringert nach den Vorstellungen der Verwaltung auch das finanzielle Risiko. Die Stadt hat sich nach einigem Hin und Her nämlich für ein Verpachtungsmodell entschieden. Das heißt, sie verpachtet den Wald als Bestattungswald und der Pächter übernimmt die nötigen Aufgaben. Der Vertrag soll über 99 Jahre laufen.

Knappe Entscheidung

Die Idee des Bestattungswaldes kommt aber nicht bei allen gut an. Im Gegenteil. Die Entscheidung im Stadtrat war so knapp wie wahrscheinlich lange nicht mehr. Zehn Stadträte waren dafür, sieben dagegen, einer enthielt sich seiner Stimme. Die Zustimmung kam vor allem aus den Reihen der Linken.

CDU, FDP und Vertreter der Wählervereinigung Kamenz zeigten sich hingegen skeptisch. Sie sorgten sich vor allem um den Fortbestand der Friedhöfe in der Stadt. „Ich befürchte, dass sich die herkömmlichen Friedhöfe nicht mehr halten können. Was wird dann aus den Menschen, die sich nicht naturnah im Bestattungswald bestatten lassen wollen“, fragte Helga Schönherr (FDP). „Wir haben hervorragend in Ordnung gehaltene Friedhöfe. Ich halte es für gefährlich, wenn wir solche Alternativen schaffen.“ Die katholische und die evangelische Kirchgemeinden in der Stadt hatten sich zuvor ebenfalls kritisch geäußert. Sie begründeten ihre Ablehnung unter anderem damit, dass eine gut geschützte Grabstelle für die Trauerarbeit wichtig sei.

Stadtrat Jörg Bäuerle (Wählervereinigung Kamenz und Ortsteile) bezeichnete die Beschlussvorlage und das zugrunde liegende Konzept sogar als „Mogelpackung“. Er bemängelte bestimmte Zahlen, die nicht mehr stimmen würden. So geht die Stadt in dem Konzept von einem großen Einzugsgebiet aus, das noch die Stadt Dresden, Großenhain und Bautzen umfasst. Prinz Daniel von Sachsen hat aber erst vor Kurzem einen eigenen Bestattungswald bei Moritzburg eingerichtet. „Die Dresdner haben doch ganz andere Beziehungen nach Moritzburg. Sie werden ihre Angehörigen nicht bei Kamenz bestatten lassen, wenn es in der Nähe auch eine Möglichkeit gibt. Ich halte die Berechnung für falsch.“ Denn der neue Friedewald sei in die Kalkulation der Wirtschaftlichkeit gar nicht einberechnet.

Befürworter glauben an die Vorteile

Die Befürworter glauben aber, dass die Vorteile überwiegen. Gräber im Wald müssen zum Beispiel nicht gepflegt werden. Es erinnert eine kleine Tafel an den Verstorbenen, auf Wunsch gibt es auch eine anonyme Bestattung. Angehörige wohnen inzwischen oft weit weg und können die Grabpflege nicht mehr in Ordnung halten. „Wir sollten den Menschen die Möglichkeit geben, dieses zusätzliche Angebot wahrzunehmen“, sagte Marion Junge (Die Linke). Und Thomas Lieberwirth aus derselben Fraktion ergänzte zu den Gegenargumenten „Allein die Friedwald GmbH hat inzwischen 56 Friedwälder in Deutschland. Ich habe noch nirgendwo gelesen, dass Friedhöfe deshalb geschlossen wurden.“

Die Friedwald GmbH ist eine der beiden großen Anbieter dieser Bestattungsform in Deutschland. Ein Vertreter des Unternehmens hat die Stadt Kamenz beim Erstellen des Konzepts beraten. Die Friedwald GmbH soll aber trotzdem keine Vorteile bei der Ausschreibung haben, heißt es aus dem Rathaus. Die Stadt Kamenz will bis Ende des Jahres einen Pächter finden.

SZ Kamenz, 23.09.2016

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